Krebserzeugende Arbeitsstoffe

Krebserzeugende Arbeitsstoffe unterliegen nicht nur den allgemeinen Regelungen für Arbeitsstoffe, sondern auch Regelungen die darüber hinaus gehen.

Gesetzliche Grundlagen

Dabei gelten alle Stoffe als krebserzeugend, die

  • in Anhang III (Liste krebserzeugender Arbeitsstoffe) oder Anhang V (Liste von Hölzern, deren Stäube als eindeutig krebserzeugend gelten) der Grenzwerteverordnung genannt sind
    oder
  • nach Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP-Verordnung) entsprechend der Gefahrenklasse 3.6 Karzinogenität
    oder
  • nach § 3 Chemikaliengesetz 1996
    oder
  • nach den Bestimmungen des Pflanzenschutzmittelgesetzes 2011

als krebserzeugend einzustufen oder zu kennzeichnen sind.

§ 40 ASchG
§ 10 GKV

Es werden eindeutig krebserzeugende Arbeitsstoffe sowie Arbeitsstoffe mit begründetem Verdacht auf krebserzeugendes Potenzial unterschieden.

Grenzwerteverordnung 2018

Checkliste zur Selbstüberprüfung durch Betriebe bei Vorhandensein von krebserzeugenden Arbeitsstoffen (PDF, 0,1 MB)

Die Absicht, eindeutig krebserzeugende Arbeitsstoffe zu verwenden, ist dem Arbeitsinspektorat vor der erstmaligen Verwendung zu melden.

Formular:
Eindeutig krebserzeugende sowie erbgutverändernde oder fortpflanzungsgefährdende Stoffe
Meldung der beabsichtigten Verwendung gemäß § 42 Abs 5 ASchG und § 13 GKV

Maßnahmen

Pflicht zu Ersatz

Für eindeutig krebserzeugende Arbeitsstoffe besteht eine Ersatzpflicht (Substitution) wenn ein gleichwertiges Arbeitsergebnis mit nicht oder weniger gefährlichen Arbeitsstoffen erzielt werden kann.

§ 42 ASchG
§ 11 GKV

Unterschreiten der technischen Richtkonzentration (TRK-Werte)

Bei krebserzeugenden Arbeitsstoffen kommen keine maximalen Arbeitplatzkonzentrationen (MAK-Werte), sondern technische Richtkonzentrationen (TRK-Werte) zur Anwendung.

Bei Arbeitsstoffen die einen TRK-Wert besitzen, ist dafür zu sorgen, dass dieser so weit als möglich unterschritten wird.

Fallweise können auch krebserzeugende Arbeitstoffe einen MAK-Wert haben, wie beispielsweise Formaldehyd [CAS 50-00-0] und 1,4-Dichlorbenzol [CAS 106-46-7]. Diese Arbeitsstoffe sind in höheren Konzentrationen krebserzeugend, bei Einhaltung des MAK-Wertes besteht kein Risiko einer krebserzeugenden Wirkung.

§ 45 ASchG

Rangordnung der Maßnahmen

Stehen gefährliche Arbeitsstoffe in Verwendung haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber Maßnahmen entsprechend der angeführten Rangfolge zu treffen:

Die Menge der vorhandenen gefährlichen Arbeitsstoffe ist auf das nach der Art der Arbeit unbedingt erforderliche Ausmaß zu beschränken.

Die Anzahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die der Einwirkung von gefährlichen Arbeitsstoffen ausgesetzt sind oder ausgesetzt sein könnten, ist auf das unbedingt erforderliche Ausmaß zu beschränken.

Die Dauer und die Intensität der möglichen Einwirkung von gefährlichen Arbeitsstoffen auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind auf das unbedingt erforderliche Ausmaß zu beschränken.

Die Arbeitsverfahren und Arbeitsvorgänge sind, soweit dies technisch möglich ist, so zu gestalten, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mit den gefährlichen Arbeitsstoffen in Kontakt kommen können und gefährliche Gase, Dämpfe oder Schwebstoffe nicht frei werden können.

Kann durch diese Maßnahmen nicht verhindert werden, daß gefährliche Gase, Dämpfe oder Schwebstoffe frei werden, so sind diese an ihrer Austritts- oder Entstehungsstelle vollständig zu erfassen und anschließend ohne Gefahr für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu beseitigen, soweit dies nach dem Stand der Technik möglich ist.

Ist eine solche vollständige Erfassung nicht möglich, sind zusätzlich zu den im Punkt davor genannten Maßnahmen die dem Stand der Technik entsprechenden Lüftungsmaßnahmen zu treffen.

Kann trotz aller Maßnahmen kein ausreichender Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erreicht werden, haben Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dafür zu sorgen, dass erforderlichenfalls entsprechende persönliche Schutzausrüstungen verwendet werden.

§ 43 Abs. 2 ASchG

Umluftverbot

Bei eindeutig krebserzeugenden Arbeitsstoffen besteht ein Umluftverbot, d.h. die Rückführung von Abluft in Räume ist verboten. Unter bestimmten Voraussetzungen sind Ausnahmen zulässig.

Für Formaldehyd gilt eine Ausnahme vom Umluftverbot, wenn sichergestellt ist, dass die festgelegten Grenzwerte dauerhaft nicht überschritten werden.

§ 15 GKV

Absaugungen

Messungen

Kann die Exposition von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegenüber Arbeitsstoffen mit einem TRK- oder MAK-Wert nicht ausgeschlossen werden, so sind Grenzwertvergleichs- und in der Folge Kontrollmessungen durchzuführen.

§ 28 GKV
§ 29 GKV

Anstelle einer Grenzwertvergleichsmessung kann eine Bewertung nach dem Stand der Technik unter Berücksichtigung von Vergleichsdaten für den Arbeitsplatz nachgewiesen werden. Das Intervall für die Kontrollmessungen ist in diesem Fall mit mindestens jährlich und längstens 15 Monaten festgelegt.

Untersuchungen

Für einige krebserzeugende Arbeitsstoffe sind entsprechend der Verordnung über die Gesundheitsüberwachung am Arbeitsplatz Eignungs- und Folgeuntersuchungen durchzuführen.

§ 49 ASchG
§ 2 VGÜ

Mehr Informationen finden sich dazu beim Thema Gesundheitsüberwachung.

Für als eindeutig krebserzeugend eingestufte Arbeitsstoffe entfällt die Verpflichtung zu Untersuchungen, wenn

  • Arbeitsstoffe in einer Apparatur so verwendet werden, dass während des normalen Arbeitsvorganges kein Entweichen in den Arbeitsraum möglich ist,
  • durch eine Bewertung nach dem Stand der Technik unter Berücksichtigung von Vergleichsdaten (insbesondere Angaben von Herstellerinnen und Hersteller und Inverkehrbringerinnen und Inverkehrbringer, Berechnungsverfahren sowie Messergebnissen vergleichbarer Arbeitsplätze) repräsentativ für den jeweiligen Arbeitsplatz nachgewiesen wird, dass das durchschnittliche tägliche Expositionsausmaß maximal 1/20 des TRK-Werts beträgt
  • wenn die Arbeitsstoffbelastung im Organismus der untersuchten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in drei aufeinander folgenden Untersuchungen die Referenzwerte der jeweiligen Arbeitsstoffe für Erwachsene nicht überschreitet
    oder
  • das durchschnittliche tägliche Expositionsausmaß maximal 1/20 des TRK-Werts (als Tagesmittelwert) entspricht, wobei dies durch eine repräsentative Messung im Sinne des 5. Abschnittes der GKV 2018 zu belegen ist. Ausgenommen sind hautresorptive Arbeitsstoffe gemäß Anhang I (Stoffliste) der GKV 2018, die in Spalte 12 mit „H“ gekennzeichnet sind.

§ 2 VGÜ

Für alle anderen eindeutig krebserzeugenden Arbeitsstoffe müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dafür sorgen, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf eigenen Wunsch einer Untersuchung unterziehen können.

§ 51 ASchG
§ 5 VGÜ

Arbeitshygiene

Bei Arbeiten mit gesundheitsgefährdenden Arbeitsstoffen, zu denen die krebserzeugenden Arbeitsstoffe zählen, ist das Essen, Trinken und Rauchen an den Arbeitsplätzen verboten. Insbesondere vor dem Essen, Trinken oder Rauchen und nach Arbeitsschluss sind die Hände gründlich zu reinigen.

§ 52 Abs. 5 AAV

Hautschutz zählt zur persönlichen Schutzausrüstung und ist vom der Arbeitgeberin/von den Arbeitgeber wie jede andere persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen.

Für eindeutig krebserzeugende Arbeitsstoffe gilt, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber geeignete Schutzkleidung oder, falls es das nicht gibt, geeignete Arbeitskleidung zur Verfügung stellen müssen.

§ 69 ASchG
§ 70 ASchG
§ 71 ASchG
§ 14 GKV

Wird diese Kleidung nicht separat gehandhabt (beispielsweise tägliches Waschen der Kleidung oder Schutzanzüge, die in Schwarzbereichen bereits ausgezogen werden) muss zumindest für die Privatkleidung ein Spind vorhanden sein – die Arbeitskleidung kann in der gleichen Umkleide an Haken aufgehängt werden. Außerdem hat die Arbeitgeberin/der Arbeitgerber für die Reinigung der Arbeitskleidung zu sorgen.

§ 71 Abs. 2 ASchG

Verzeichnis der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer

Die Mindestinhalte des Verzeichnisses für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die der Einwirkung von krebserzeugenden, erbgutverändernden, fortpflanzungsgefährdenden oder biologischen Arbeitsstoffen der Gruppe 3 und 4 ausgesetzt sind, sind:

  • Name, Geburtsdatum, Geschlecht
  • Bezeichnung des Arbeitsstoffes
    • (Optional CAS-Nummer)
  • Art der Gefährdung
    • Krebserzeugend
    • Erbgutverändernd
    • Fortpflanzungsgefährdend
    • biologischen Arbeitsstoffen der Gruppe 3 und 4
    • (optional die H-Sätze)
  • Art und Dauer der Tätigkeit
  • Datum und Ergebnis von Messungen im Arbeitsbereich, soweit vorhanden
  • Angaben zur Exposition
    • Oral (Aufnahme durch Verschlucken)
    • Dermal (Aufnahme über die Haut)
    • Inhalativ (Aufnahme über die Atemwege)
    • Beginn und Ende der Exposition der Person
  • Unfälle und Zwischenfälle im Zusammenhang mit diesen Arbeitsstoffen

§ 47 ASchG

Beispiel für die Gestaltung des Verzeichnisses für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (PDF, 0,1 MB)

Natürlich können weitere Inhalte neben den bereits angegebenen optionalen Informationen im Verzeichnis enthalten sein. Eine gesetzliche Verpflichtung besteht für die optionalen Informationen nicht.

Die einzige Vorgabe für die Gestaltung des Verzeichnisses ist somit der Mindestinhalt, die Form ob beispielsweise als Datenbank oder Liste ist frei wählbar. Die verpflichtenden Aufzeichnungen gemäß § 58 ASchG für jede Arbeitnehmerin/jeden Arbeitnehmer, für die/den Eignungs- und Folgeuntersuchungen erforderlich sind, entsprechen in ihren Mindestinhalten nicht vollständig den Anforderungen dieses Verzeichnisses. Eine Kombination beider ist unter Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für die Mindestinhalte entsprechend §§ 47 und 58 ASchG möglich.

Das Verzeichnis der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist bei Exposition sowohl für eindeutig krebserzeugende als auch für unter Verdacht auf krebserzeugendes Potential stehende Arbeitsstoffe zu führen (und für alle weiteren im Gesetz genannten Arbeitsstoffe). Es ist nicht an die Ausnahmen für die Untersuchungspflicht gebunden und immer zu führen, sobald ein Risiko für eine berufsbedingte Krebserkrankung besteht.

Weitere Informationen

Beratungs- und Kontrollschwerpunkt der Arbeitsinspektion

Beratungs- und Kontrollschwerpunkt der Arbeitsinspektion (2018/2019) zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen

Krebserzeugende Arbeitsstoffe - Roadmap

In einer gemeinsamen Anstrengung um die Exposition gegenüber krebserzeugenden Arbeitsstoffen zu reduzieren, haben die Ratspräsidentschaften 2016 (Niederlande) und 2018 (Österreich), die Europäische Kommission und die Europäischen Sozialpartner die Website roadmaponcarcinogens ins Leben gerufen.

Präventionsschwerpunkt der AUVA

Im Sinne ihres Präventionsauftrages widmet die AUVA ihren Präventionsschwerpunkt 2018 bis 2020 der Information und der Bewusstseinsbildung rund um krebserzeugende Arbeitsstoffe.

Der AUVA-Präventionsschwerpunkt "Gib Acht, Krebsgefahr!" knüpft an die Kampagne "Gesunde Arbeitsplätze - Gefährliche Substanzen erkennen und handhaben" der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) an und fand koordiniert mit dem Schwerpunkt zu krebserzeugenden Arbeitsstoffen der Arbeitsinspektion statt.

Letzte Änderung am: 17.02.2020