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Gender Aspekte von Lärm (Orchester)

Autorin:
Dr. Elsbeth Huber
BMWA
POST@III2.bmwa.gv.at




Autorin:
Dr. Renate Novak
BMWA
POST@III3.bmwa.gv.at

Hören Frauen tatsächlich mehr das Gras wachsen als Männer, wie manchmal be¬hauptet wird? Wie lässt sich das Phänomen, dass der Hörverlust mit zunehmenden Alter bei Männern eher im Hochtonbereich (Frequenzen > 2000 Hertz) und bei Frauen eher im Tieftonbereich (< 1000 - 2000 Hertz) auftritt, erklären? Liegen die Ursachen dafür in der anderen hormonellen Konstitution oder doch eher in den nach wie vor unterschiedlichen Arbeitsbedingungen mit verschiedenen Lärmexpositionen?

Am Beispiel der Orchestermusik wird gezeigt, wie wichtig eine differenzierte Be­trachtung zur Beurteilung der tatsächlichen Lärmexposition ist.

Während in angelsächsischen, skandinavischen Ländern und einzelnen osteuro­päischen Staaten zunehmend Frauen als Orchestermusikerinnen tätig sind, ist der Frauenanteil in deutschen und österreichischen Spitzenorchestern nach wie vor ge­ring - er betrug beispielsweise in Österreich 1995 nur 16 % im Vergleich zum euro­päischen Gesamtdurchschnittswert von 30 %.

Soweit Fragen des Sicherheits- und Gesundheitsschutzes in Orchestern bisher überhaupt Relevanz hatten, bezogen sie sich auf Musiker und ihre Situation bei der Orchesterarbeit. Eine geschlechtsspezifische Sichtweise bei der Erhebung und Ana­lyse arbeitsbedingter Belastungen, Erkrankungen und Unfälle nach dem Gender Mainstreaming-Ansatz ist aber erforderlich, um eine wirksame Prävention und Schutzmaßnahmen für alle - Musiker und Musikerinnen - sicherzustellen: Der tradi­tionelle Präventionsansatz unterschätzt die arbeitsbedingten Gefahren für Frauen, aber auch für „rollenuntypische“ Männer. Ein geschlechterspezifisch differenzierter Ansatz trägt dazu bei, Sicherheit und Gesundheitsschutz in Orchestern zu verbes­sern.

Geschlechtsspezifische Besetzungsstrukturen sind auf mehreren Ebenen feststell­bar, besonders bei den INSTRUMENTEN :

  • „männlich besetzt“: Blechblasinstrumente, Kontrabässe, Perkussion und Schlagwerk, Holzblasinstrumente (ausgenommen Flöten, Oboen),
  • „weiblich besetzt“: Harfe, Flöten, hohe Streicher (vor allem 2. Violine, Viola).
    Bei der Besetzung von SOLOPOSITIONEN sind in europäischen Orchestern (ohne Konzertmeister/in) weniger als ein Viertel an weibliche Instrumentalisten vergeben.

Zusammengefasst nach INSTRUMENTENGRUPPEN sind Frauen in 12 von 20 In¬strumentalgruppen mit weniger als 15 % vertreten.

INSTRUMENTENGRUPPEN UND ORCHESTERAUFSTELLUNG - Männer/Frauen

In der modernen Orchesteraufstellung hat sich die „amerikanische Sitzordnung“ gegenüber der „deutschen Sitzordnung“ weitgehend durchgesetzt:

Abb.: Großes Symphonieorchester in amerikanischer Aufstellung
















Für die Lärmbelastung bedeuten die übliche Orchesteraufstellung und die überwiegend geschlechtsspezifische Instrumentenbesetzung, dass beispielsweise die „männlichen Bläser“ die vor ihnen sitzenden „weiblichen Geigerinnen“ mit hoher Dezibelzahl be­schallen und die Frauen (aufgrund ihres hohen Anteils in dieser Instrumentengruppe) wesentlich stärker und länger lärmexponiert sind. Eine Änderung der Sitzordnung kann diese Exposition deutlich reduzieren.

FAKTEN ZUM GESUNDHEITSSCHUTZ:

Studien haben gezeigt, dass Frauen in allen Altersgruppen hohe Töne im Frequenz­bereich > 2000 Hz besser hören als Männer, der Unterschied beträgt bis zu 20 dB bei 4000 Hz. Männer hören hingegen tiefe Töne, < 1000 – 2000 Hz, besser. Dieses Phänomen, das sog. „gender reversal“, nimmt mit dem Alter noch zu. Frauen und Männer haben eine unterschiedliche hormonelle Zusammensetzung mit anderen Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem. Stress in Kombination mit Umge­bungslärm kann zu Dysmenorrhöe, Hormonstörungen und verminderter Fertilität füh­ren.

Wissenschaftlich eindeutig bewiesen ist aber allein die Tatsache, dass Männer häu­figer an Lärm bedingten Hörstörungen leiden als Frauen: Aufgrund geschlechtsspe­zifischer Arbeitsmarktsegregation sind Männer nach wie vor häufiger höheren Lärm­pegeln ausgesetzt in der Metallindustrie, in der Holz verarbeitenden Industrie, am Bau und in der Papierindustrie. Frauen hingegen in der Lebensmittel- und Textilin­dustrie, aber auch in Diskotheken, bei Musikaufführungen oder in Kindergärten.

Geschlechtsspezifische Instrumentenbesetzungen und damit verbundene Orchester­aufstellungen können dazu führen, dass Musikerinnen höheren und länger andau­ernden Lärmexpositionen ausgesetztsind: Ein hoher Frauenanteil bei Harfen und 2. Violinen steht auch räumlich einem hohen Männeranteil bei Blechblas- und Holz­blasinstrumenten und Schlagwerk gegenüber.

Untersuchungen von Orchestermusiker/innen haben gezeigt, dass bei vergleich­baren Lärmexpositionen dasGehör von Frauen resistenter scheint als das der Männer.

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