Lebens- und Wohnungssituation

Arbeiterhäuser besitzen von den besuchten Etablissements die Kaiser Ferdinands - Nordbahn und die Locomotivfabriksgesellschaft bei ihren bezüglichen Werkstätten in Floridsdorf, ferner die österreichische Nord­westbahn in Jedlesee, die österreichisch-ungarische Staatseisenbahn-Gesellschaft in Simmering und die Südbahngesellschaft in Meidling.

Die Arbeiterwohnungen sind durchwegs trockene und freundliche Räume und derart situirt, dass jede Wohnung für sich mit den nöthigen Ubicationen, wie: Abort, Keller und Boden versehen ist.

Der Miethzins wird jeweilig bei der Lohnzahlung mit dem für die entsprechende Lohnperiode entfallenden Betrage im vorhinein in Abzug gebracht.

Den Wohnungsmiethern ist gestattet, 1, respective 2 ledige Arbeiter in Aftermiethe zu halten.

Die Locomotivfabriksgesellschaft besitzt 3 ebenerdige Arbeiterhäuser mit zusammen 20 Wohnungen aus je 1 Zimmer und Cabinet bestehend, und 6 zwei­stöckige Doppelhäuser, deren jedes 14 kleine und 10 grosse Wohnungen enthält. Die kleine Wohnung hat 1 Zimmer und Küche, die grosse 1 Zimmer, Cabinet und Küche. Eine kleine Wohnung wird mit fl. 1-90, eine grosse mit fl. 2-60 per Woche berechnet.

Im Allgemeinen überwiegt bei den männlichen Arbeitern der Accord-, respective Stücklohn, bei den weiblichen der Zeitlohn, und ist der Verdienst in den Fabriken höher als beim Kleingewerbe. Im grossen Durchschnitt beträgt der Wochenverdienst eines männ­lichen Arbeiters circa 83/4 fl., der des weiblichen circa 5 fl. Der Spielraum zwischen Minimal- und Maximalverdienst ist sehr gross, insbesondere bei den männlichen Hilfs­kräften. Als untere Grenze kann bei letzteren 5 fl., als obere 23 fl. angenommen werden, und bei den Frauenspersonen beziehungsweise 3 und 9 fl.

Am höchsten stellt sich der mittlere Verdienst der männlichen Arbeiter in der Maschinenindustrie mit circa 11 fl., am niedrigsten in der Textilbranche mit circa 6 fl. Die im Accord oder nach Stück arbeitenden Hilfskräfte verdienen durchschnitt­lich um 20 - 50% mehr als die im festen Lohn stehenden der gleichen Branche.

Von sonstigen Wohlfahrtseinrichtungen für Arbeiter, deren Existenz mir bis jetzt bekannt würde, sind zu erwähnen: die „Arbeiter-Pensionscasse" der Firma Siemens & Halske und das sogenannte „Provisionsinstitut" der Staatseisenbahn -Gesellschaft.

Arbeiter-Pensionscasse der Firma Siemens & Halske:

Die Gründung der Casse erfolgte am 12. October 1872 anlässlich des 25jährigen Jubiläums der Firma, und hat den Zweck, den in deren Etablissements thätigen Beamten und Arbeitern bei eintretender Invalidität eine Pension zu gewähren.

Das Vermögen, respective die Einkünfte der Kasse bestehen aus:

a) Dem ihr am Jubiläumstage überwiesenen Grundcapitale von 47.500 Thalern ;
b) den Zinsen dieses Capitales;
c) den Jahresbeiträgen der Firma, und zwar für jeden Beamten 10 Thaler, für jeden männlichen Arbeiter 6 Thaler und für jeden weiblichen Arbeiter 3 Thaler;
d) etwaigen späteren Schenkungen.

(I. Aufsichtsbezirk, Amtssitz Wien)

In Niederösterreich obwalten in einem Umkreise von circa 50 km um die Residenz­stadt in Beziehung auf Wohnungsmiethen und Lebensmittelpreise Zustände, welche sich denen des I. Aufsichtsbezirkes nähern; sie werden besser in den Provinzstädten und verändern sich wesentlich am flachen Lande.

In Oberösterreich und Salzburg sind die Hilfsarbeiter kleinerer Mühlen, Braue­reien und Gerbereien nicht selten als zur Familie gehörig betrachtet und werden bezüglich Verpflegung wie die Mitglieder derselben gehalten.

Die durch diese Verköstigung gebotene regelmässige und kräftige Nahrung lässt die Stellung dieser Gehilfen selbst bei niederer Entlohnung, materiell gut erscheinen. Speciell in Brauhäusern werden die daselbst Beschäftigten durch die unentgeltliche Verabfolgung des sogenannten Mutterbieres, dessen Quantum zwischen 3 und 8 Liter täglich schwankt, vor dem leider in manchen Arbeiterkreisen üblichen Branntweingenusse bewahrt.

(II. Aufsichtsbezirk, Amtssitz Linz)

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Kontakt: uwe.stecher@arbeitsinspektion.gv.at
Letzte Änderung am: 29.11.2005